Nachtaufnahmen mit Langzeitbelichtung

Tübingens Sonnenseite bei Nacht: Die Neckarfront
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Tübingens Sonnenseite bei Nacht: Die Neckarfront

Zu den faszinierenden Dingen, die man mit einer digitalen Spiegelreflex-Kamera (DSLR) anstellen kann, gehören auch Nachtaufnahmen mit einer Langzeitbelichtung. Zum einen gelingen mit etwas Tüfteln hier schnell beeindruckende Bilder, bei denen auch dem fotografisch unbedarften Betrachter klar ist, dass hier Können im Spiel war – zum anderen sind die Bilder auch deswegen faszinierend, weil durch eine Langzeitbelichtung von nächtlichen Szenen Details zum Vorschein kommen, die mit dem bloßen Auge unter Umständen gar nicht sichtbar gewesen wären. Dabei ist eine gelungene Langzeit-Aufnahme gar nicht so schwer. Hier steht, wie’s geht:

Vorgeplänkel: Die Ausrüstung

Zunächst einmal das Offensichtliche: Ohne Stativ geht nichts. Niemand kann die Kamera mehrere Sekunden bis Minuten lang absolut ruhig halten. Ist ein Stativ angeschafft oder ausgeliehen, so empfiehlt sich auch noch eine Wasserwaage, die auf den Blitzschuh gesteckt werden kann, insofern die Kamera nicht schon ein entsprechendes Werkzeug integriert hat (wie zum Beispiel die Pentax K-7). Bildstabilisatoren aller Art sollten deaktiviert werden. Oft wird auch eine Fernbedienung empfohlen, um beim Auslösen des Belichtungsvorgangs das Bild nicht zu verwackeln. Die ist aber nicht unbedingt notwendig, da zum einen viele Kameras eine verzögerte Auslösung beherrschen und da zum anderen bei langen Belichtungszeiten das kurze Verwackeln am Anfang nicht ins Gewicht fällt.

Insofern man verschiedene Objektive zur Auswahl hat, kann man hier ruhig zum manuellen Oldtimer aus Opas Erbfundus greifen – insofern die aktuelle DSLR damit klar kommt. Die Belichtungsautomatik kommt mit der Nachtsituation meistens sowieso nicht klar und auch der Autofokus greift gerne mal in die dunkle Leere. Die besseren der alten Objektive haben ein paar Vorteile: Insofern man keine Kamera mit Vollformat-Sensor besitzt, wird ein kleinerer Bildausschnitt benutzt, in dem die Abbildung des Objektivs oft besser ist als beim gesamten Bild. Wichtiger aber noch ist, dass gute alte Festbrennweiten mehr Licht durch lassen als moderne Kit-Objektive. Und genau das kommt bei einer Nachtaufnahme zum Tragen. Für die oben gezeigte Aufnahme habe ich eine alte 50mm-Festbrennweite von Asahi SMC Pentax verwendet. Die wenigen und guten Linsen schütten hier ein bis zwei Blendenstufen mehr an Photonen auf den Sensor.

Auf der Pirsch: Das Motiv

Bevor es also nun auf die Jagd geht, stellt sich die Frage: Wo gibt es denn nachts etwas zu sehen? Für den Anfang bietet sich alles an, was gut beleuchtet ist. Oft sind nachts zumindest bis zu einer bestimmten Zeit historische Gebäude in Städten angeleuchtet. Wer mehr Herausforderung aber auch mehr Belohnung sucht, findet auf Brücken über mäßig befahrenen Straßen sein Motiv. Hier kann man dann die bekannten und beliebten Lichtspuren der Autoscheinwerfer einfangen. Ist die Straße zu viel befahren, verwischen sich vielleicht alle Spuren. Fährt kaum ein Auto, so hat man nicht sehr viele Versuche. Wenig Versuche hat man auch an der Bahnlinie. Doch Versuche braucht man vor allem am Anfang einige.

Das Bahnbetriebsgelände in Tübingen von der Fußgängerbrücke aus
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Das Bahnbetriebsgelände in Tübingen von der Fußgängerbrücke aus

Ein Schuss – (k)ein Treffer: Wie richtig belichten?

Ist ein vielversprechendes Motiv gefunden, geht es an die Technik des Fotografierens. Klar, die Kamera aufs Stativ, eventuell noch mit der Wasserwaage einstellen, durch den Sucher das Motiv erspechten. Bei Aufnahmen von entfernteren Motiven reicht zum Glück die unkomplizierte Unendlich-Einstellung des (manuellen) Objektivs meist aus. Doch wie wird jetzt eigentlich belichtet? Schnell stellt man fest, dass die Belichtungsautomatik des nachts meistens versagt. Was diese Automatik macht, ist am Ende Folgendes: Die Belichtungszeit wird so gewählt, dass möglichst wenig Bildbereiche im Schwarz absaufen (also unterbelichtet sind) und möglichst wenig Bereiche in ein undifferenziertes Nur-Weiß übergehen (also überbelichtet sind). Bei einer Nachtaufnahme sind große unterbelichtete Flächen aber weniger das Problem, schließlich ist es der Betrachter gewohnt, nachts nicht alles zu sehen. Sehr störend hingegen sind große, undifferenzierte weiße Flecken. Die Belichtung muss sich hier also an den hellen Bereichen im Bild orientieren und das gelingt am besten manuell.

Die Kamera bietet dafür die manuelle Belichtung, meistens M genannt, sowie den Bulb-Modus, bei vielen Kameras unter B zu finden. Auf B eingestellt drückt man den Auslöser herunter, der Verschluss öffnet sich, lässt man ihn los, schnappt er wieder zu. Manche Kameras können auch einmal drücken = Klappe auf, nochmal drücken = Klappe zu. (Die Pentax K-7 kann das zumindest mit der Fernbedienung.) Ohne Stoppuhr ist man hier verloren. Bequemer ist da der Modus M, in dem sich die Zeit einstellen und von der Kamera handhaben lässt – je nach Kamera gibt es hier aber Limits, länger als 30 Sekunden geht es oft nicht. Für den Anfang empfiehlt es sich, die Empfindlichkeit auf ISO200 einzustellen, das Objektiv prophylaktisch auf Blende 8 und mal bei 20 Sekunden anzufangen. Schnell ist ein erster Test-Schnappschuss gemacht.

Anschließend lässt man sich das Bild anzeigen und aktiviert das Histogramm auf dem Display der Kamera. Das Histogramm zeigt die Anzahl der Pixel (Y-Achse) in Abhängigkeit von ihrer Helligkeit (X-Achse). Eine senkrechte Linie am linken Rand des Histograms zeigt, dass viele Pixel unterbelichtet sind. Umgekehrt weist eine senkrechte Linie am rechten Rand darauf hin, dass viele Pixel überbelichtet sind – genau das gilt es bei einer Nachtaufnahme zu vermeiden. Somit ist die Belichtungszeit so zu wählen, dass gerade so kein Balken am rechten Rand entsteht. Eine Ausnahme kann sein, wenn man Lichtquellen wie Laternen direkt auf dem Bild mit drauf hat. Dort ist eine Überbelichtung meist nicht zu vermeiden. Häufungen im dunkleren Bereich des Bildes (etwa linkes Drittel des Histograms) können in der Nachbearbeitung oft noch ganz gut herausgeholt werden, zumindest wenn man die volle Dymanik-Auflösung der Kamera ausnutzt, indem man im RAW-Format fotografiert.

Derart mit einer manuellen Belichtungsfindungsstragie ausgestattet kann man nun mit Zeit und Blende experimentieren, bis das Bild sitzt. Dabei sollte man sich viel Zeit lassen und sich einige Versuche gönnen.

Ein Wort zum Rauschen

Je länger der Verschluss offen ist, desto mehr rauscht ein digitaler Bildsensor. Die kamera-interne Rauschunterdrückung hilft hier weiter, die sollte man also aktivieren. Je nach Kamera dauert damit das Speichern des Bildes aber sehr lange, denn dann werden zusätzliche Berechnungen durchgeführt. Man sollte sich also nicht wundern, wenn die Kamera eine ganze Weile lang auf keinerlei Tastendruck mehr reagiert. Außerdem gilt natürlich wie immer: Eine niedrigere Einstellung der Empfindlichkeit führt zu weniger Rauschen.

In Kürze

Das war viel Text. Hier nochmal eine Zusammenfassung des Weges zur geglückten Nachtaufnahme: Benötigt werden Stativ und Kamera, bei längeren Belichtungszeiten ein externer Timer oder eine Stoppuhr. Belichtet wird manuell unter Zuhilfenahme des Histograms, wobei große überbelichtete Flächen zu vermeiden sind. Es empfiehlt sich, in RAW zu fotografieren, damit man aus den dunklen Bereichen bei Bedarf mehr herausholen kann.

Ich hoffe, diese Anleitung bringt Euch glücklich durch die dunkle Jahreszeit. Nacht ist es ja gerade oft genug. Was sind Eure Erfahrungen mit Langzeitbelichtungen mit der digitalen Spiegelreflex-Kamera?

Ein Kommentar:

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